Der Verfasser des abiturrelevanten Romans „Agnes“, der Schweizer Peter Stamm, las am vergangenen Freitag aus seinem Roman und beantwortete anschließend die vielen Fragen der Schüler des Beruflichen Gymnasiums an der Beruflichen Schule im Mauerfeld. Nach Begrüßungsworten der Schulleiterin Frau Hunn-Zimny sprach Paul Fackler von den Kaufmännischen Schulen Offenburg einführende Worte zu Peter Stamm und seinem Werk. Die Autorenlesung wurde freundlicherweise von der Sparkasse Offenburg/Ortenau gesponsert.

Im Anschluss an die Autorenlesung stand den Schülern genügend Zeit zur Verfügung, um ihre detaillierten Fragen an den Autor zu stellen. So interessierte sie, wie Stamm seine Inspiration zu einem neuen Werk erhält, worauf der Autor erklärte, dass ihm die Ideen zu Romanen an den unterschiedlichsten Orten einfallen, jeder Autor aber „seine Themen“ habe, auf die er durch eigene Lektüre der Großen der Literatur gestoßen ist. Außerdem steuere das eigene tägliche Leben kleine Geschichten bei, die ihren Niederschlag in dem Roman gefunden haben.

Agnes, eine normale, etwas exzentrische Person, steht neben dem ungenannten Ich-Erzähler im Mittelpunkt des Romans mit offenem Ende. Aufgrund der schleppenden Annäherung der beiden Protagonisten und der Empathie-Unfähigkeit des Ich-Erzählers bemerke Agnes zu spät, in welche psychologisch schwierige Situation sie sich begeben habe, erklärt Stamm, der für seine Arbeit auch ein Psychologiestudium absolviert hat, um Menschen besser studieren zu können.

Agnes’ Erfrieren im Schnee, was vom Autor als „weicher Tod“, nicht als Selbstmord gesehen wird, soll als Metapher für die unüberwindbare innere Leere vieler verstanden werden. Fremdheit und Kälte verdeutlichen die zunehmende Entfernung der Handelnden von dem, was sie eigentlich erreichen wollen: Nähe und Wärme. Die Sinnlosigkeit der Einzelexistenz soll dem Leser vor Augen geführt werden.

Gefragt nach dem Altersunterschied der beiden Hauptpersonen, meinte Stamm, dass Agnes jung sein müsse, um unerfahrene Naivität mitzubringen, wohingegen der im Leben gescheiterte Ich-Erzähler ein gewisses Alter haben müsse, um die Kausalität der Geschichte zu verdeutlichen.

 

 

 

Auf die Frage, warum Stamms Erzählstil von Gefühlskälte geprägt sei, erklärte der Autor, dass er „lieber Reaktionen oder Verhalten beschreibe, damit für die Leser Raum zu Erkenntnis und Analyse“ bleibe.

Eine weitere Frage zielte darauf ab, wie er mit Kritik und Interpretationen seines Buches umgehe. Seine Antwort darauf war, dass Interpretationen immer individuell seien, es kein Falsch oder Richtig gebe, solange man sich am Text orientiere. Von Kritik emanzipiere er sich, ärgere sich nicht über sie.

Chicago als Ort der Handlung stehe für den Gegensatz von Natur und Kultur, ist als „weißes Blatt“ nicht so präsent wie New York, weniger belastet. Aus diesem Grund las Peter Stamm auch die im Nationalpark spielenden Kapitel 15 und 16 aus „Agnes“ vor.

Schließlich wollten die SchülerInnen noch wissen, wie er mit Schreibblockaden und aufkommender Frustration umgehe. Stamm erläuterte, dass „Schreiben eine Technik sei, die man lernen könne; man brauche allerdings Geduld, müsse abwarten können“.

Nach anderthalb Stunden übernahm Herr Fackler die Abmoderation der Lesung, und Frau Hunn-Zimny bedankte sich bei Peter Stamm für sein Erscheinen mit einem kleinen Präsent.

Am Ende der Veranstaltung standen zahlreiche SchülerInnen Schlange, um ihre Bücher von Peter Stamm signieren zu lassen.

 Schulleiterin Rosalinde Hunn-Zimny, Autor Peter Stamm, Birgül Yilmaz-Das (Fachschaft Deutsch) und
Paul Fackler (Fachberater für Deutsch)