Interview mit Robert Pfaff

Robert Pfaff hat im Schuljahr 2008/2009 unsere Schulart BAL (einjährige Berufsaufbauschule) besucht und seine mittlere Reife erlangt. Im Anschluss an diese absolvierte er 2009/2010 erfolgreich die BKFH (einjähriges Berufskolleg zur Erlangung der Fachhochschulreife). Er ist selbständiger Physiotherapeut mit seiner Praxis „Schmerzfrei“ in Hofweier. Das Interview mit Herrn Pfaff wurde am 12. April 2019 von Birgül Yilmaz-Das (Abteilungsleiterin für BAL, BKFH und das berufliche Gymnasium SGG mit dem Profil Gesundheit) geführt.

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Wie sind Sie auf unsere Schule und die Schulart der Berufsaufbauschule (BAL) aufmerksam geworden?

Ich habe von dieser Möglichkeit, die Mittlere Reife in einem Jahr Vollzeitschule zu absolvieren, nichts gewusst. Vielmehr hat mir ein Freund davon berichtet, der damals gerade die BAL besucht hat. Er hatte nach dem Hauptschulabschluss den Beruf des Konditors gelernt, wollte aber eben weitermachen.

Warum haben Sie sich für den Besuch der BAL entschieden?

Mit dem Hauptschulabschluss hatte ich nur wenige Perspektiven. Ich habe diese 1994 an der Eichendorff-Schule in Offenburg erworben und wusste eigentlich nichts damit anzufangen. Ich habe mich direkt bei der Firma Printus für eine Ausbildung beworben, jedoch vergeblich. Es wurde die Mittlere Reife vorausgesetzt. Meine weiteren Bemühungen mit sehr vielen Bewerbungen waren ebenfalls sehr ernüchternd, es war damals eine schlechtere wirtschaftliche Lage als heute.

Welchen Nutzen hatte die BAL für Sie?

Sie war für mich ein Türöffner. Die erworbene Mittlere Reife gab mir jetzt mehr Möglichkeiten und war für mich zu guter Letzt auch das Sprungbrett in die Schulart der BKFH, um über diese in einem Jahr meine Fachhochschulreife zu erlangen.

Ich empfehle den Besuch dieser Schularten jedem in meinem Bekannten- und Freundeskreis. Auch Patienten, bei denen ich das Gefühl habe, dass ihnen eine Weiter- oder Umschulung gut tun könnte, bekommen von mir die Empfehlung, wenn sie die Voraussetzung dafür haben. Der Zweite Bildungsweg ist zu wenig bekannt und hat auch in der Gesellschaft eine geringere Anerkennung. Ein Freund von mir sagte einmal, der Zweite Bildungsweg sei ein Abschluss zweiter Klasse.

Aber ich sehe es anders. Ich finde, dass unsere Kinder aufgrund von Konjunkturprognosen wieder weniger Perspektiven haben könnten und die Menschen sich mehr um ihre Bildung und Ausbildung kümmern müssen.

Oft denke ich an unseren Mathematik- und Physiklehrer in der BKFH zurück. Er sagte immer, dass man sekundengenau das Abheben einer Rakete berechnen könne. Damals kam mir das immer suspekt vor. Heute verstehe ich, dass Wissen eben wichtig ist. Natürlich war ich kein Mathematikass und Physik war ebenfalls eine Schwäche von mir, aber es ist von Bedeutung, wenn man vom Fleck kommen will.

Für mich war zum Beispiel Biologie als Naturwissenschaft leicht nachvollziehbar und lernbar. Deshalb habe ich mich beruflich im Gesundheitswesen verankert. Die Branche der Gesundheit ist ungeheuer wichtig für unsere Zukunft und deshalb muss auch das Fach Biologie gestärkt werden. Lernen und Ausbildung muss auch staatlich mehr Unterstützung finden. Ich musste meine Ausbildung zum Physiotherapeuten aus eigener Tasche stemmen. Das Problem ist nicht nur die Summe, sondern dass man eine Familie ernähren muss und neben her auch arbeiten geht, weshalb das Lernen dann auf der Strecke bleibt.

Was haben Sie nach dem Besuch der BKFH gemacht?

Nach dem Erlangen meiner Fachhochschulreife über die BKFH habe ich mich weiter beworben, um in den gehobenen Dienst aufgenommen zu werden. Mir war es sehr wichtig, nicht arbeitslos zu sein. Deshalb weiß ich, dass für Umschulung und Weiterbildung mehr gemacht werden muss. Ich sehe in meiner Praxis oder in meinem Umfeld häufig Menschen, die unzufrieden mit ihrem Job sind. Jedoch trauen sich die wenigsten, eine Fähigkeit für einen Wechsel zu entwickeln und zudem wissen sie mehrheitlich nicht wie und was. Deshalb muss die Beratung mehr auf die individuellen Bedürfnisse und Probleme, aber auch Fähigkeiten und Interessen des einzelnen Menschen angepasst werden. Genau das vermisse ich aber. Erschwerend kommt hinzu, dass man häufig darauf schaut, was aktuell benötigt wird, aber nie was für den jeweiligen Menschen gut ist. Ich habe beispielsweise einen Patienten mit zwei kaputten Schultern, weil er jahrelang auf dem Bau gearbeitet hat. Ihm wurde in der Beratung Altenpflege empfohlen. Wie frage ich mich, soll dieser Menschen seine Arbeit mit zwei kaputten Schultern gut machen? Mein Verdacht ist, dass leider zu viel nach Paragrafen gegangen wird.

Was haben Ihnen diese Schularten konkret gebracht?

Sie waren Meilensteine meiner Berufsfindung, ja sogar meiner Berufung. Ich kam zwar über Umwege und auch großen persönlichen Hürden dazu, aber ich bin genau deshalb erfolgreich geworden. Meine Eltern haben mich, was Bildung angeht, leider nicht fördern können. Meine Mutter hat im Pflegeheim gearbeitet und mein Vater auf dem Wertstoffplatz. Bildung war für sie immer zweitrangig. Wichtig war ihnen, dass ich überhaupt etwas tue. Deshalb hat mir der Zweite Bildungsweg gutgetan und mir die notwendige Vertiefung und Orientierung geben können.

Was wünschen Sie sich?

Der Gesundheitssektor ist riesig und die Berufe hier sind zukunftsorientiert, weshalb man es nicht vernachlässigen darf, dass diese Berufe im sozialen, pflegerischen und pädagogischem Bereich attraktiv bleiben. Herr Spahn hat die richtige Richtung eingeschlagen, indem er mehr Geld in die Hand genommen hat, um zu fördern. Aber zu wenige Menschen kennen die schulischen Möglichkeiten. Hier müssen die beratenden Behörden wie die Agentur für Arbeit oder das BIZ auch mehr in diese Schularten lenken.

Ich bin als Selbständiger bis zu 12 Stunden oder gar 14 Stunden auf den Beinen, weil ich sehr viele Patienten habe, jedoch finde ich keinen Nachwuchs. Berufe im Gesundheitssektor werden mehr gebraucht denn je. Den Gesundheitssektor belastet nicht nur der Trend der Akademisierung, sondern die mangelnde Anerkennung der Menschen in diesen Berufen.

Ich bin in meinem Job sehr zufrieden und kann nur über zu viel Arbeit klagen. Für mich war der Zweite Bildungsweg gut und ich bin sehr zufrieden.

Was würden Sie Jugendlichen und jungen Erwachsenen raten?

Wenn jemand merkt, mein Beruf bringt mich nicht weiter oder ist nicht da, wo er sein soll, dann muss er den Mut fassen und etwas ändern. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten. Ich habe gelernt: Geht eine Tür zu, gehen zwei neue auf. Man muss nur den Mut, die Nerven und Ausdauer haben. Natürlich darf die staatliche Unterstützung nicht fehlen, auch für den Zweiten Bildungsweg.

 

Interview: Birgül Yilmaz-Das